Uwe Leuning's Kwetschehoink

(Uwe Leuning's Zwetschgenhonig)

copyright ©     : Uwe Leuning
Übersetzungen : E. Engel (die Vogelsberger mögen mir dies verzeihen)

 

Wenn man heutzutage in irgendwelchen mehr oder weniger schlauen Abhandlungen liest,  daß im Mittelalter der Honig (gemeint ist dabei der Bienenhonig) die einzige Möglichkeit gewesen sei, an etwas Süßes zu gelangen, so kann man dies zumindest für eine starke Verallgemeinerung der damaligen Verhältnisse ansehen. Ich bin sicher, die Leute in diesen Zeiten hatten genug Einfallsreichtum und Erfindungsgeist, um sich weitere Quellen der Süße zu erschließen. Wir, die wir in den frühen Fünfzigern des vergangen Jahrhunderts im Kindesalter waren, befanden uns in einer grundsätzlich ähnlichen Situation, wie die in der  sich das  gemeine Volk  im Mittelalter befunden hatte: Zucker war ein kostbares Nahrungsmittel und wurde in genau abgemessenen Mengen lediglich als Koch- und Backzutat verwendet. Kindern war der direkte Zugriff meist erschwert, wenn nicht sogar gänzlich verwehrt. Andere süße Quellen sprudelten ebenfalls nur sehr spärlich. Mit Karamel gefüllte Schokoriegel waren noch nicht erfunden. Schokolade gab es eigentlich nur dreimal im Jahr, und auch nur in geringen Mengen:
 

1. Am Geburtstag in Tafelform, von guten Tanten und Onkeln, oder von zum Nachmittagskaffe eingeladenen Freunden und Klassenkameraden. Letztere überreichten ihre süße Gabe meist im Verbund mit einem Stück Literatur in Form eines Göttinger Jugendbandes, 98 Seiten für damals knapp eine Mark. Das Thema, Förster, Tiere, Schülerlotsen oder notleidende Flüchtlingskinder, welche in der neuen Heimat irgendwelche reichen Verwandten entdecken, und somit das Überleben der Familie sichern, bis der Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt. Die Schokolade und der Lesestoff waren etwa nicht alleiniger Besitz des Geburtstagskindes, nein, Die Tafel Vollmilch- Nuss wurde (zumindest teilweise) beim Topfschlagen wieder unter die Gäste gebracht. Und die Bücher wurden, falls sie nicht bereits zuvor von dem Überreichenden durchgelesen worden waren, mit der Bemerkung übergeben: ” Dass krich ich awwer auch emal zum lese.” ("das bekomme ich aber auch einmal zum Lesen").

 

Weitere Gelegenheiten an Schokolade zu gelangen, waren Ostern und Weihnachten. Beide Male wurde die braune Masse der Begierde in Figurenform gegossen und mit Stanniolpapier überzogen als Osterhaas (Osterhase) oder Nikkels (Nikolaus) geschenkt. Die vorherrschend verwendeten Farben der Umhüllung waren dabei gold , rot und braun, und keinesfalls lila, wie heutzutage üblich. Schokolade in Tafelform wurde von mir bevorzugt, da man diese portionsweise essen konnte, ohne damit ein Kunstwerk zu zerstören. Ein Nikolaus mit abgebissener Zipfelmütze, oder ein Osterhase mit abgefressener Eierkiepe, sind nun mal nicht mehr makellos. 

 

Doch zurück, zum eingangs angesprochenem Thema, der Rolle des Zuckers in meiner Kindheit. Bonbons, auch Guuts genannt, waren schon etwas öfter zu haben als Schokolade, wenn auch beileibe nicht in den heute üblichen Mengen. Sie wurden auch nicht etwa, wie heute der Brauch, Packungsweise verteilt, sondern als Einzelstücke mit dem Hinweis, ” mach langsam un kau se nett, sons geh die Zeh kabutt” ("mache langsam und kaue sie nicht, sonst gehen die Zähne kaputt").. Der erste Teil dieser Empfehlung wurde schon deshalb befolgt, weil die meist zur Verteilung gelangten Drops dermaßen sauer waren, das man sie nur irgendwo unter der Zunge oder seitlich in der Backe verstecken konnte, um nicht von der Säure des Bonbons überwältigt zu werden. Tat man das nicht, so war man gezwungen, mit krampfhaft verzogenem Gesicht und verkniffenen Augen, heftig saugend, schlürfend und schluckend dem übermäßigen Speichelfluß Herr zu werden. Die Warnung vor kaputten Zähnen wurde geflissentlich ignoriert. Schließlich wollte der Zahnarzt "Brueckel" ja auch leben.

 

Später einmal, als in der Schule der Physik und Chemieunterricht einsetzte, habe ich versucht, unter dem Vorwand ein Experiment wiederholen zu wollen, eine zusätzliche Süßigkeitenquelle zu erschließen. Ich erhitzte Zucker in einem Topf in der Absicht, eine Art von Karamelbonbon herzustellen. Der Versuch endete eher kläglich. Die aus diesem Vorgang resultierenden Erzeugnisse, mit dunkelbraunen Köpfchen versehenen Holzstöckchen, sahen bei weitem nicht aus, wie die von mir angestrebten Dauerlutscher. Die Karamelmasse schmeckte, offenbar wegen Überhitzung der Zutaten, eher nach Holzkohle, und die im Topf verbliebenen und steinhart gewordenen Reste machten eine weitere Verwendung des Gefäßes in unserer Küche unmöglich. Meine Karriere als Lebensmittelchemiker und Süßwarenfabrikant erlitt somit ein frühes und unrühmliches Ende.

 

Es gab allerdings eine Möglichkeit, sich ab und an mit Naschwerk außerhalb der Reihe zu versorgen: Pflaumenmus, oder auch Lattwerche oder Kwetschehoink genannt. Dieser köstliche Brotaufstrich versiegelte sich selber im Glase dadurch, dass er an seiner Oberfläche eine dicke Schicht aus Zuckerkristallen bildete. Diese waren nicht nur süß, sondern hatten, da sie mit Marmeladeresten behaftet waren, auch noch einen aufregenden Beigeschmack.
 

Die Erinnerung an das Abfallprodukt dieser häuslichen Vorratshaltung bringt mich dazu, den Herstellungsprozess, soweit er sich mir damals erschloss, zu schildern. 

 

Ich bin der festen Überzeugung, das die Firma Zentis vor cirka 50 Jahren keine Chance gehabt hätte, ihre heutige Produktpalette an den Markt zu bringen. Zumindest nicht in den ländlichen Gebieten des hohen Vogelsberges. Brotaufstriche gab es in großer Vielfalt. Ebenso breit gestreut waren die Möglichkeiten der Beschaffung und Herstellung. Margarine wurde im Laden gekauft. Wurstwaren, einschließlich Wurstfett und Schweineschmalz gab es entweder beim Metzger, oder durch eigene Schlachtung. Wer, wie im Falle meiner Familie, keine Schweine selber schlachtete, hatte in einer solchen Situation die Verwandtschaft auf den umliegenden Dörfern als mögliche Bezugsquelle. Hatten diese Schlochtefest (Schlachtfest)oder Metzensupp(Metzelsuppe), so fiel für uns immer etwas ab. Butter als Brotaufstrich war ein ganz spezieller Fall. Eigentlich konnte man sie sich ja gar nicht leisten. Trotzdem wurde sie für hohe Festtage und besondere Anlässe beim "Bickert" am Milchwagen gekauft. Es gab aber auch die Möglichkeit der eigenen Herstellung. Wenn die Milch, die man bei "Bellees" holte, besonders fett zu sein schien, wurde selbst gebuttert. Dann gab es auch im Alltag Butter statt Magriene(Margarine). Marmelade, Gelee oder der bereits erwähnte Kwetschehoink stammten fast ausschließlich aus eigener Produktion.

 

Die hierfür benötigten Produktionsmittel waren: Ein Baamstick (hier: Baumbestand), eine Waeschkeche (Waschküche) mit Waeschkessel (Waschkessel), einen aale Sensestejl (den Stiel einer Sense zum umrühren der Masse)und gute und zahlreiche Nachbarn.

 

Das Baamstick (hier: Baumbestand) war, einerlei ob Eigentum oder gepachtet, eine damals übliche Form des Grundbesitzes. Es unterschied sich vom Groabgoardde (ein Stück Garten, das man durch umgraben urbar macht) dadurch, daß es ein Wiesengrundstück mit Obstbäumen war. Neben den üblichen Obstsorten einheimischer Art, wie Kirsche, Eppel, Bijern (Kirschen, Äpfel, Birnen) und Rennekloo, gab es immer eine ganze Anzahl von Kwetschebeem (Zwetschgenbäume)  Diese waren anspruchslos und bedurften so gut wie keiner besonderen Zuwendung. Der Baumschnitt wie für die Äpfelbäume war nicht nötig, und geerntet wurde durch kräftiges Schütteln. Dabei sollten die Früchte schon etwas überreif sein. Das sah man daran, das sie einen Stich ins Blauschwarze annahmen, und eine Oberflächenstruktur, wie meine Fingerspitzen, nach stundenlangen Planschen im Wasser. Das hatte drei Vorteile. Erstens hatten die Früchte in diesem Stadium einen erheblich höheren Zuckergehalt, zweitens waren sie leichter abzuschütteln oder herunterzuschlagen. Und außerdem lösten sich die Steine oder auch Kwetschkean (Zwetschgenkerne) genannt, besser vom Fruchtfleisch. Bei den anfallenden Mengen, die zu verarbeiten waren, bedeutete dies einen nicht zu vernachlässigenden Vorteil.

 

Freitags im Oktober nach der Schule wurde ich also aufgefordert zusammen mit Obba, (Opa) wie der Großvater üblicherweise genannt wurde, zum Kwetschblicke (Zwetschgen pflücken) zu gehen. Der Handwagen wurde mit den Behältern unterschiedlichster Größe und Bestimmung beladen. Da gab es unter anderem Weschmahne unn aale Innmachkroppe(Wäschekörbe und alte Einmachtöpfe). Säcke dagegen, waren für diesen Zweck unbrauchbar. Geerntet wurde in unserem Falle auf einem Gartengrundstück in der Nähe der Jugendherberge. Heute befindet sich dort der Betonklotz der Grund- und Hauptschule. Dort standen auf einem handtuchförmigen Pachtgarten von etwa 12 Meter Breite und 80 Meter Länge circa 12 Zwetschgenbäume. Es waren fast ausschließlich betagte Veteranen, mit flechtenbewachsenen, bizarr geformten Ästen, die zum Teil noch die verholzten Dornen der Wildform aufwiesen. Meine Rolle bei dieser Arbeit ist einfach zu beschreiben. Durch mein geringes Gewicht war ich geeignet auf diese Bäume zu klettern, ohne die Äste abzubrechen. Großvater reichte mir dann eine Bohnenstange nach. Damit hatte ich alle erreichbaren Äste abzuklopfen. Falls sich einige Früchte hartnäckig weigerten abzufallen, so musste ich eben noch weiter in Richtung Astende kriechen um, begleitet von Großvaters Ermahnungen, fall ja nett erunner(falle nicht herunter), die widerspenstigen durch Sonderbehandlung mit einem Spazierstock zum Abfallen zu bewegen. Unsere Ausbeute nach etwa zwei Stunden Kwetscheläase (Zwetschgen auflesen) betrug, wenn ich es richtig einschätze, etwa eineinhalb Zentner. Aber es war keine angenehme Arbeit. Durch das Herumgerutsche auf den Ästen, und die Tatsache, das wir im Oktober noch unsere kurzen Lederhosen und Hemden mit kurzen Ärmeln trugen, wurde die zarte Kinderhaut durch die rauhe Rinde stark in Mitleidenschaft gezogen.

 

Zu guter letzt wurde die Ernte auf dem Leiterwagen nach Hause gefahren, und vor der Waschküche abgeladen. Um die Früchte vom gröbsten Schmutz zu befreien, wurden sie in den mit Wasser gefüllten Waschkessel gekippt und eifrig durcheinandergewirbelt. Zum abtrocknen schüttete man sie danach auf einige alte Bettlaken, die im Hof hinter dem Haus ausgebreitet hatte. Dort hatten sie Gelegenheit etwas abzutrocknen ehe sie wieder in die Waschzuber zurückgeschüttet wurden. Jetzt, inzwischen war es Abend geworden, übernahmen die Weiber das Regiment. Es trafen sich etwa sechs, meist gewichtige Damen aus der Nachbarschaft in unserer Küche. In der Mitte dieses ohnehin schon nicht besonders großen Raumes wurde eine riesige Zinkwanne aufgestellt, um welche sich die Nachbarinnen auf Stühlen sitzend versammelten. Jede der beteiligten hatte sich ihr Lieblingskneipche (Lieblingsküchenmesser) mitgebracht. Ein kleines Küchenmesser, dem man seine bewegte Geschichte deutlich ansah. Ihre Klingen waren durch jahrelanges Nachschleifen bereits deutlich aus ihrer ehemaligen Form gekommen und hatten ihnen ihren eigenen Charakter, und die Patina verliehen, welche richtigen Antiquitäten zu eigen ist. Hatte man sich ausgiebig begrüßt, und in der Enge seinen Platz gefunden, so legten die Hilfskräfte richtig los. Zum zweckmäßigen Outfit des Abends gehörten weitgeschnittene Schürzen oder Kittel. Sie erlaubten, das man eine kleine emaillierte Schüssel zwischen die Knie klemmen konnte. Und außerdem noch einige Hände voll Früchte in der Schürze Platz hatten. Jetzt griffen eifrige Hände zu. Die Linke hielt ein halbes Dutzend Zwetschgen, wobei eine der Früchte zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt wurde. Jetzt schnitt man die Frucht der Länge nach auf, und presste den Stein aus dem Fruchtfleisch. Diesen ließ man dann in die bereits erwähnte Schüssel fallen. Die entsteinten Früchte wurden mit einem Schnipsen des Daumens in die in der Mitte stehende Wanne befördert. War die Schürze leer, so griff man in einen Eimer neben sich und besorgte Nachschub. War dieser Eimer nach einiger Zeit leer. So wurde er Richtung Tür gereicht, und durch einen vollen ersetzt. Dies ist die rein technische Beschreibung des Vorganges. Darüber hinaus spielten sich aber parallel noch andere Vorgänge ab. Die Kolleginnen wurden argwöhnisch beobachtet, und deren Arbeitsgeschwindigkeit abgeschätzt. Außerdem wurden alle Klatsch, und Tratschthemen der Gegend durchgehechelt. Mit dem, was in diesen Stunden an Informationen ausgetauscht wurde könnte man leicht mehrere Homepages füllen. 

 

Großvater und ich leerten inzwischen den Kupferkessel in der Waschküche und trockneten ihn aus. Anschließend wurde er mit SIDOL Kupferputz eingeschmiert und gründlich ausgerieben. Nach dem letzten Auswischen wurde er mit einem kleinen Feuer aus Zeitungspapier erhitzt. Bevor wir in die Wohnung zu den Weibern gingen, wurde die Feuerstelle unter dem Kessel so vorbereitet, dass man am nächsten Morgen nur noch ein Streichholz dranhalten musste um es zu entflammen. 

 

Oben in der Küche war die zuvor geschilderte Arbeit in vollem Gange. Das Geschnatter schlug uns schon im Treppenhaus entgegen, und als wir die Küche betreten wollten, wurden wir mit Hinweis auf den Platzmangel wieder nach draußen gewiesen. So verbrachten wir die Zeit, bis es wieder Platz in der Wohnung gab damit, den Vorrat an Brennholz in der Waschküche aufzufüllen, noch einmal nach den Hühnern zu sehen und nebeneinander auf der Treppe neben dem Haus zu sitzen und in den dunkler werdenden Abend zu schauen. Erst als die Entsteinerinnen aufbrachen und schnatternd und polternd die Treppe herunterkamen, war es für uns Zeit und Gelegenheit zurückzukehren. Großvater füllte noch einige Hände voll Obstkerne in ein aus einem Geschirrhandtuch genähten Säckchen, und band es mit einem Stück Wuaschtkoddel (Wurtskordel) sorgfältig zu. Es wurde zusammen mit den entsteinten Früchten in die Waschküche geschafft. Damit war das Tagwerk vollbracht, und alle Vorbereitungen für den nächsten Morgen getroffen. 

 

Der kommende Tag begann früh, buchstäblich mit dem ersten Hahnenschrei. Unser Gockel im Hühnerstall hinter dem Haus war nicht zu überhören. Er gab das Signal zum Aufstehen. Die Prozedur der Körperpflege war vergleichsweise einfach. Was konnte man den auch schon in einem Haushalt mit einer Wasserzapfstelle am Waschbecken in der Küche mehr tun, als sich mit einem nassen Lappen durch das Gesicht und dem angefeuchteten Kamm durch die Haare zu fahren. In der Waschküche wurde jetzt ein Eimer Wasser in den Waschkessel geschüttet, und das Feuer darunter entzündet. Wenn das Wasser kochte, warf man zuerst das Säckchen mit den Obstkernen hinein, und kippte nach und nach alle mit Obst gefüllten Behälter in den Waschzuber. Von nun an hatte der Großvater keine freie Minute mehr. Er hatte die Aufgabe, die sich immer mehr erhitzende Masse ständig durch Rühren in Bewegung zu halten um sie am Anbrennen zu hindern. Dazu bediente er sich eines selbst hergestellten Werkzeuges. Es bestand hauptsächlich aus einem ausgedienten Sensenstiel an dessen Ende man einen Holzblock von doppelter Männerfaustgröße befestigt hatte. Diesen Block, der durch den häufigen Gebrauch an seinem äußersten Ende bereits rundgeschliffen und von blauschwarzer Färbung war, zog er ständig durch die breiige Masse und hinderte sie somit am Festbrennen. An die genauen Zutaten die bei dieser Prozedur Verwendung fanden, kann ich mich nicht mehr erinnern, allerdings ist mir der Geruch, der an diesen Tagen ums Haus zog, unauslöschlich ins Gedächtnis eingeprägt. Es war eine Mischung aus dem Geruch des unter dem Kessel verbrannten Holzes, und dem leicht säuerlichen Aroma der sich langsam einkochenden Früchte. 

 

Wie lange es dauerte bis diese Prozedur abgeschlossen war kann ich nicht sagen. Irgendwann war die Masse dick genug, und die abgekühlten Proben die mein Großvater dem Kessel entnahm, fielen zu seiner Zufriedenheit aus. Ab sofort traten wieder die Frauen auf den Plan. Sie hatten inzwischen die Aufbewahrungsbehälter vorbereitet. Dies waren entweder schmutzigbraune irdene Töpfe, auch Hoinkdibbe (Honigtöpfe) genannt, oder Einweckgläser, die an ihrem oberen Rand eine Beschädigung aufwiesen, und deshalb für den ursprünglichen Zweck nicht mehr zu gebrauchen waren. Alle Behälter hatten eine Kapazität zwischen ein und zwei Liter. Sie wurden mittels einer riesigen Schöpfkelle mit der rotbraunen, breiigen Masse bis zirka zwei Finger breit unter den Rand gefüllt, der Rand selbst sorgfältig mit einem Lappen gereinigt, und das Gefäß mit einem vorher eingeweichten transparenten Spezialpapier abgedeckt. Diese pergamentartige Haut wurde straff angezogen, und mit der bereits erwähnten Wuaschtkoddel (Wurstkordel) festgebunden. Das Papier schrumpfte beim Trocknen, und schloss den Topf luftdicht ab. Die heiße Luft in dem Gefäß zog sich beim abkühlen ebenfalls zusammen und bewirkte, dass die Papiermembrane sich noch mehr spannte, und dabei nach innen wölbte. Ich war ständig verführt, diese Konstruktion als Trommel zu benützen, was aber streng untersagt war. Die kleinste Beschädigung des empfindlichen Deckels führte dazu, dass Bakterien eindringen konnten, und die ganze Sache zu schimmeln anfing. Dies war sowieso nicht auszuschließen, und so mussten die Töpfe, die in unserem Haushalt in Viererreihen im Schlafzimmer auf dem Kleiderschrank aufbewahrt wurden, ständig kontrolliert werden. Wies eine der Oberflächen Schimmelflecken auf. So wurde dieser Topf als nächstes seiner Verwendung zugeführt. Der weiße Belag wurde entfernt, und niemand dachte daran, den Rest, dem man keinerlei Befall ansah, etwa wegzuwerfen. Medizinisch – hygienische Bedenken wie heutzutage, hatte man damals noch nicht.

 

Und ich muss zugeben, wenn das Zeug auf das Brot geschmiert war, sah man ihm nicht mehr an, ob es ehemals verschimmelt war oder nicht. Und dank der sorgfältigen Behandlung kam eine solche Verunreinigung nur sehr selten vor.

 

Ein weitaus angenehmerer Vorgang spielte sich in den Gefäßen aber regelmäßig ab. Die Kristallisation des Zuckers an der Oberfläche der Marmelade. Hier bildete sich geradezu eine mehrere Millimeter dicke "Eisschicht", die von uns Kindern zerbrochen, vorsichtig Stück für Stück abgelöst, und wie bereits erwähnt, begeistert gelutscht wurde. Die Marmelade selbst fand Verwendung als Brotaufstrich und vor Fassenacht (Fasching bzw. Karneval) auch als Füllung der Krebbel (Berliner Pfannkuchen oder auch Krapfen genannt), wie die Berliner in dieser Gegend und zur damaligen Zeit genannt wurden. Morgens und zwischendurch, wenn wir Hunger hatten, wurde Kwetschehoink (Zwetschgenhonig) unmittelbar auf die Brotscheibe geschmiert, während es am Nachmittag, zum Kaffee erlaubt war, sich etwas Margarine darunter zukratzen. Hatte man aber Milch, auf der sich bereits eine Rahmhaut abgesetzt hatte, so konnte man sich ein Kwetschehoinkbruut (Zwetschgenhonigbrot) dadurch veredeln, indem man auf die Marmelade etwas Rahm verteilte.

 

Ich habe schon Jahrelang kein Brot mit Pflaumenmus mehr gegessen, aber mir ist auch heute noch, wenn ich die Augen schließe, und daran zurückdenke, als ob sich das beim Kauen süß werdende Brot, die mildsäuerliche Marmelade und die sahnige Rahmhaut zu einem Geschmack vermengen, der mich sofort fünfzig Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt.

Nachwort zur Geschichte meines Freundes: wer noch mehr aus unserer Vergangenheit erfahren möchte, der sollte sich hier ruhig einmal melden:  uwele@t-online.de   

 

E. Engel

 

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